Verloren im Moment. Berlin 2018

Die Ampel schaltet. Von Rot auf Grün, auf Rot, Grün, Rot. An der Bordsteinkante Herr Müller inmitten schlotternd rutschender Stoffhosen, auf die graublau oder lilableiche Jacken stoßen. Ab und an zuckelt ein beherzter Griff diese wieder in den Schritt, wird der Gürtel nachgezogen. Herr Müller schaut ihnen zu so wie er andere taxiert. Andere, die ihre Jeans fest am Körper tragen, dass sich Knochen oder Muskeln oder Fett abzeichnen. Die ihre Geschlechter und Hintern betonen, sich anbieten. Und doch auch nicht. Ikonen des Alltags streifen Herrn Müllers Gesichtsfeld.

Flink zieht eine Frau ihre Hose aus der Ritze, streicht sie glatt, schnell, denn Zeit ist kostbar. Schon springt die Ampel auf Grün, die Menge bricht auf. Prompt. Einprogrammierte Ziele ziehen die Körper auf die Straße, treiben sie zur anderen Seite, wo sie auseinander streben. Wo die einen zur nächsten Ampel biegen, sich hier sammeln und hier ausharren und dann weiter strömen. Wo die anderen die Treppe zur Hochbahn erklimmen, sich mal rechts mal links an den Entgegenkommenden im Laufschritt vorbei schlängeln. Herr Müller steht da und blickt ihnen hinterher. Sieht welche auf sich zukommen, sieht sie biegend, schaukelnd, staksend den Asphalt traktieren, dabei Taschen und Tüten schwenken, sieht ihre Mühen, schnell und elegant hinüber zu kommen, ohne anzustoßen, ohne sich der anderen Blicke zu nähern. Sieht Menschen einander ausweichen und meiden. Nur nicht berühren.

Zu viel der Körper zu viel. Zu harsch die Bewegung. Trotzig trampelnd tragen deren Füße Wut und Trauer ohne Zeit. Im Fluss, im Fluss bleiben, im Fluss. Bleiben. Müssen. Das nächste Rot ist getaktet. Wer es nicht schafft, hat das Nachsehen. Hält alle auf, muss überholt, umgangen werden, bevor man selbst. Menschen strömen an Herrn Müller vorbei. Die einen von hinten, die anderen von vorne. Umschiffen ihn. Ihn, die Staue im Menschenmeer.

Ein Hauch an Ausdünstung streift sein Gesicht. Ein wenig Sphäre, die, kaum wahrgenommen, schon verschwindet. Nur nicht berühren.


Ja, ja, der Herr Müller. Wie gewohnt, sehnt er den Menschen nach. Erhaben und unablässig, als warte er. Frau Schmidt genießt den Ausblick aus dem zweiten Stock, der ihr erlaubt, die Welt fein säuberlich zu sezieren. In sicherer Entfernung. Vor allem hat es ihr Herr Müller dort unten an der Bordsteinkante angetan. Sie mag, wie er so aufrecht steht, die anderen überragt, wie ihn die Schulterklappen seines Trenchcoats stützen, der breite Gürtel ihn hält, wie er die abgestoßene Lederaktentasche fest an seine Brust drückt. Und sein Fasson-Schnitt allen zu verstehen gibt: Nicht berühren. Und seine glänzenden Schuhe im aufgewirbelten Staub des Gehwegs rufen: Aufpassen!

Selten, dass sie ihn im Treppenhaus bemerkt. Lautlos schleicht er runter, vorbei an ihrer Wohnungstür, ihr keine Chance gebend, ihn abzufangen, einmal unverhofft die Tür zu öffnen, ihm einen Guten Tag zu wünschen. Dessen war sie sich sicher. Sehr sicher. Auch aus der Haustür sieht sie ihn nicht kommen. Frau Schmidt wartet. Wartet am Fenster bis Herr Müller an der Ampel steht. Dann huscht ein Lächeln über ihr Gesicht. In der Regel. Nur in der letzten Zeit kommt er verschwommen daher.

Heute aber, da nimmt sie ihn mit all seinen Konturen wahr. Klar und eindeutig. Aufgeregt und schwärmend. Nur nicht berühren.

Vom Bahnsteig her bohrt sich ein Quäken und Schreddern tief in ihr Ohr. Fragend hebt sie ihren Kopf. Es ist die Ansage, zermalmt durch breites Ächzen. Derweil die Hochbahn einfährt und mit Getöse zum Stehen kommt. Menschen werden ausspuckt und andere eingesogen. Schwerfällig und in die Jahre gekommen buhlt sie im Fünf-Minuten-Takt um Aufmerksamkeit. Selten noch, dass Frau Schmidt der Attraktion nachgeht. Die Drehung im Kreuz macht ihr Mühe, nun.

Heute ist sie nervös. Lässt sich stören, dreht sich um, dass sie den Bahnsteig sehen kann, schaut den Menschen dort zu. Wie sie ins Abteil drängeln und schieben und stoßen, kurz zucken, ein Sorry murmeln, ein Okay, wenn überhaupt. Sie haben Angst, die Plätze sind so rar. Nicht mitzukommen gleicht einer Strafe. Nur nicht berühren.

Seit nunmehr vierzig Jahren wohnt Frau Schmidt zwei Stockwerke unter Herrn Müller in dem Altbau direkt an der Kreuzung. Die letzten Jahre oder mehr lebt sie allein mit ihrem Ohrensessel, ein Andenken an ihren Mann. Mein wertvollstes Stück, flüstert sie ein zwei mal am Tag in des Sessels Ohren während ihre Hände über die Rückenlehne streicht. Ach, will mich nicht beschweren, hatte ein ganz gutes Leben, seufzt sie dann ganz gerne mal. Zunehmend rutscht ihr ein Wir heraus. Wir hatten doch.

Ihr Streicheln, Seufzen nach dem Essen ist zum Ritual geworden. Danach lässt sie sich in ihm nieder, schmiegt den Kopf an die Ohren. Bespickt mit vielen großen, kleinen, bunten Kissen hat der Sessel seinen Platz am Fenster zur Straße. Nun geschlossen, die Gardine zur Seite, träumt Frau Schmidt der Welt nach, die mit der Morgenluft kam, als sie, die Fensterflügel geöffnet, sich auf ihr über Jahre geknetetes Kissen aus abgewetztem Samt gelehnt, Straßenluft einatmete, Stimmen hörte, Autos, Tram und Hochbahn. Der Vormittag ist Weltzeit. Zeit, in der sie Wetter erkundet und Wolken zählt, den Sonnenstand fixiert, Regen bedauert. Es sind die Stunden, in denen sie dem Treiben auf der Straße folgt, Menschen zusieht, ihnen nachschaut und bemerkt, dass welche untereinander vertrauter werden, einander zu ähneln beginnen, und andere, die jünger, gewandter, lauter sind, sich gar nicht ähneln. Ihre privaten Studien. Es sind Stunden, in denen sie Fremde wahrnimmt, die besonders anders aussehen und sich so völlig anders bewegen, ganz andere Töne von sich geben. Fremde Gesten. Unruhig und neugierig, im Moment verstärkt, streift ihr Blick umher, sucht unbestimmt nach dem EINEN Ereignis, bis sie letzten Endes an den vielen ermüdet. Die Ampel schaltet von Rot auf Grün, auf Rot, Grün, Rot. Autos bremsen. Scharf. Nur nicht berühren.


Komm endlich. Unten vor der Haustür zischt Frau Nissen ihre fünfjährige Tochter an. Sie ist in Eile, wie jeden Morgen. Wecker, aufstehen, duschen, anziehen, die Kleine wecken, die spielt schon, sie anziehen – Gequengel - Kaffee aufsetzen, Brote schmieren, Müsli, schnell essen - die Kleine würgt - sie mit den Händen vom Stuhl weisen, Zähne putzen - die Kleine speit - Gummistiefel, Protest, Füße rein quetschen, Arme in die Jacke stopfen – aua, du tust mir weh, selber Zähne putzen - Jacke und Schuhe, Tasche umhängen. Im Kinderzimmer sitzt die Kleine und schimpft mit ihrer Puppe. Komm jetzt. Kaum draußen, lässt sie die Haustür fallen, wirft einen kurzen Blick nach oben.

Immer nur die alte Schmidt, die aus dem Fenster hängt, mir hinterher stiert, registriert Frau Nissen schnell und lustlos als wünsche sie sich was Anderes. Diffus und unbestimmt. Harsch nimmt sie ihre Tochter bei der Hand, greift nach, schon galoppieren beide den Fußweg entlang. Durch die Anderen durch. Irgendwie. Zu Fuß geht schneller als die Hochbahn, zu knapp die Zeit, heute erst Recht, egal. Egal, was ihre Tochter meint, und sie wird gleich meinen, trotzen, widersprechen, weiß Frau Nissen. Und so stiebt sie davon.

Die Füße der Tochter verhaspeln sich wie ihre Sprache, stolpern der Mutter eilend hinterher, bis sie abhebt, ihr Körper an ihrem Arm baumelt, der an der Hand hängt, die fest im Griff der Mutter ist. Die Mutter gibt nach, das Kind hat wieder Boden unter den Füßen bis sie wieder und von vorn. Das Kind hechelt, irgendwie, bis zur nächsten Ecke, wo ihr Quengeln die Mutter zu quälen anfängt. Die Kleine wird den ganzen Weg betteln, jaulen, protestieren, zum Ende nur noch weinen. Hör auf! Mach dich nicht extra schwer. Keine Diskussion mehr. Du gehst zur Kita. Schluss! Aus! Ein Ruf, ein Zerren, die nächste Eskalationsstufe ist erreicht. Frau Nissen kennt diese Litanei so wie sie ihre eigene Antwort kennt.

Und wieder hat sie sich provozieren lassen. Ihren Zorn heraus gebrüllt und nicht, wie von der Familienhilfe geraten, ihr Muster geändert. Vor Wut beißt sie sich auf die Zunge und flucht. Warum merkst du dir nicht den Ablauf, warum willst du immer was anderes. Du hast keine Ahnung von der Eile, der notwendigen, von der über alle Tage schleifenden Routine, über das Austrocknen meiner Sprache, weil wir uns nicht unterhalten können. Was weist du schon, auf was ich alles verzichte. Oh mein Gott, wie eingeschränkt du doch bist und wie wenig bewusst das dir ist, dass ich dir noch nicht mal eine Einsicht abzwingen kann. So zürnt Frau Nissen sich stumm bis ihr Verdruss und ihr Verstummen sie schmerzt. Mit jedem Tag ein bisschen mehr. Nur nicht berühren.


Aahh - Verdammt! Ob die Nissen mal was mitkriegt, mal guckt, was sie tut, irgendwann mal?! Gerade noch kann Herr Lingen den hohen aus Massivholz gefertigten Flügel der Haustür abfangen, ein wenig benebelt von der abziehenden Parfümwolke, die er nicht schlecht, aber als too much empfindet. Herr Lingen liebt das Ausgewählte, Nervöse, sensibel Dekadente, am besten in Kombination mit Präzision und produktiver Unruhe. Nicht immer passt es. Er zählt keine Stunden, er zählt, was er tut. Den Tag, die Nacht, die Woche, den Monat, das Jahr. Und er schafft viel. Sehr viel und noch mehr. Nur nicht berühren. Nur nicht.

Fluchend stößt er mit aller Kraft den Flügel auf, quetscht sich samt Rennrad über der Schulter durch das Portal. Flugs ist er draußen. Hier ist der Gehweg schmal, die Ampel der Fußgänger auf Rot, der Fahrradweg blockiert. Für einen Moment jonglieren, dann, eher flink als hastig, scannen seine Augen die Umgebung, schon ist er auf dem Rad.

Just in dem Moment dreht sich Herr Müller um und stolpert. So ganz aus Versehen, so ohne Absicht. Herr Lingen bremst. Rechtzeitig. Herr Müller stützt sich am Lenker ab und kann verhindern, dass sein Mantel in die Speichen gerät. Gerade noch. Plötzlich ist er mit Herrn Lingen konfrontiert. Unmittelbar und dicht, viel zu. Blicke, die ins Mark gehen, man kennt einander. Ein kurzes Nicken. Seitens Herrn Lingen stumme Wut. Herr Müller mehr verdattert und erschrocken. Richtet sich wieder auf und zupft seinen Mantel zurecht. Wie war noch gleich Ihr Name? Da ist Herr Lingen schon weg. Er lässt sich nicht aufhalten. Von nichts und niemanden. Nur nicht berühren.

Herr Lingen, ruft Frau Schmidt aus dem zweiten Stock, da ist ja Herr Lingen. Irritiert kreist Herr Müller seinen Kopf, seine Augen bleiben haften an dem Haus. Er schaut rauf, runter, rauf, will die Stimme orten und sieht doch nur eine alte Frau am Fenster. War sie es, die gerufen hat? Dann lärmt sein Schädel. Der Lärm, der Lärm, ihm ist, als platze sein Trommelfell, wie so häufig. Unmöglich, dass sie ihn hat verstehen können. Unmöglich von da oben. Noch, dass er ihre Wort hat hören können. Ganz und gar unmöglich. Eigentlich. Ihn beschleicht ein bekanntes aber unbequemes Gefühl. Der Lärm. Schwindel ergreift ihn. Herr Müller schwankt, dreht sich zur Straßenseite und … Mensch, passen Sie doch auf, wütet eine junge Frau. Für einen Moment streift seine Hand ihren Busen, seine Wange ihre Haare. Kurz der Moment, zu kurz. Peinlich berührt zieht er zurück. In ihm steigt Röte auf, erhitzt sein Gesicht. Er schämt sich ihrer Wärme. Schnell verschwindet seine Hand in der Manteltasche. Nur nicht berühren. Nur nicht.

Verwirrt sucht er Halt, findet keine Position, als sei das Stehen fremd geworden. Im Gleichmaß schaltet die Ampel von Rot auf Grün, auf Rot, Grün, Rot auf Grün. Betäubt ob seiner Gefühle betritt Herr Müller halb taumelnd, halb festen Schritts die Straße.

Dann: Quietschende Bremsen, ein dumpfer Aufprall, der markerschütternde Schrei eines Kindes. Todesstille. Die Unmittelbaren bilden eine Traube um das Geschehen, als schirmten sie es ab. Handy, ein Handy, Feuerwehr, Rettungswagen, Polizei – hier ich – ich hier – hier - ein Tohuwabohu. Derweil setzen andere ihren Weg fort. Schnell. Nur nicht berühren.

Inmitten Herr Müller, der zum Stehen kommt. Paralysiert. Lingen, bestätigt er sich tonlos, und die Frau im zweiten Stock heißt Schmidt. Tränen laufen über sein Gesicht, schmecken nach dem Salz der Stille. Aus großer Ferne dringt hysterisch wirres Zeug zu ihm durch. Kita-Läuse, Kita-Läuse, die Hochbahn! Läuse, die Bahn. Sie wollte ausgucken, sie wollte. Nicht laufen Mama, immer wieder. Das hat sie gesagt. Ich habe sie doch an der Hand. Der Hand, der. Frau Nissen schaut in ihre leeren Hände … Schreiend bricht sie zusammen.


Drei Straßen weiter sendet Herr Lingen eine SMS: Komme etwas später. Verkehr liegt durch Unfall lahm. Bin am Auftrag interessiert. Gruß Tom. Oben im zweiten Stock zieht Frau Schmidt die Gardinen zu.


Verbrauchte Zukunft.England 1975

Nein, nein die Brände seien nicht gut. Hier schau das Getreide, das kannst du vergessen. Verbrannte Erde. Vernichtete Ernte. Das werde teuer. Der Sommer sei viel zu heiß. Nein normal sei es nicht.

Er schüttelte den Kopf.

Ach, es sei ihm egal, ob Hitze oder nicht. Er sei auf dem Weg nach Hause. Vom Norden, von der Ölplattform, nach London. Ja, körperliche Arbeit. Dreckig und anstrengend. Das Öl sei schon zur zweiten Haut geworden. Ein schmieriger Film, der ihn überziehe. Da helfe das Duschen auch nicht viel. An manchen Tagen. Jetzt aber fahre er nach Hause. Körperliche Arbeit eben. Dann abrupt: ein kurzes, hartes Lachen.

Sie inspizierte den Mann, dem sie im Zug, so einfach angesprochen, ein Gespräch abrang. Er war nicht groß, eher gedrungen und kahlköpfig. Hatte sich schick gemacht. Trug Hose und Jacke in Jeans, darunter ein Karohemd zum Vorschein kam. Blaurot. Die Karos schnitzten scharfe Kanten in sein wettergebräuntes Gesicht. Müde und doch aufgeräumt sah er gut aus. Sauber. Sah richtig aus. Seine breiten, kräftigen Hände waren aufgerissen und in Öl gegerbt. Dem linken Zeigefinger fehlte ein Teil der Kuppe; geblieben war vernarbte Haut, eingebrannt als Zeichen ewigen Schaffens. Hände wie Werkzeuge. Gereinigt nach getaner Arbeit hielten sie den Daily Mirror gleich einer Feder.

No family, but good money. Dangerous to life?
Yes, sometimes.
Dann wieder: das kurze, harte Lachen.
Stille.

Der Zug fuhr über Romford und Stratford London vom Osten her an. Nussig-würziger Schweiß der Reisenden vermischte sich mit der klebrig-süßen warmen Stadtluft zu einer schweren Melange. Sie schwitzte mit. Draußen bestimmten jetzt zu Kleinst-Reihenhäusern geformte schwarz-braune Klinker das Bild. Armut, Armut schlug die Uhr. Rauch, Ruß und Abgase verdichteten den Anstrich zur Farbe Dunkel. Treppenabgänge, Überdacht von gewelltem Plastik, führten in Gärten schmaler Grundstücke. Eine Idee von Zaun hegte den ausgetretenen Rasen ein. Zum Anfassen nahe. Hier und da ein Obstbaum. Einzeln. Vergilbt. Vielleicht Apfel, vielleicht Birne, vielleicht oder. Ein Ball neben der Sandkiste. Und überall: Wäschestangen. Aufgereiht. Angerostet. Weiße Laken tragend. Wie viel Dreck verträgt Weiß?

Hier, apart verblichene Fassaden eklektizistischer Bauten des Historismus! Zeugen der Erträge des Imperiums. Besitzanzeigend. Solide. Eben gutes Kapital. Stoisch und erhaben, ein wenig verlassen und angestaubt, sperre sich die Gründerzeit, nun in die Jahre gekommen, gegen ihre Entwicklung. Sie solle dem Erdboden gleichgemacht werden, bauschte sich ein leicht zotteliger, selbsternannter Touristenführer vor ihr auf. Sie hatte ihn nach dem hässlich anmutenden und senkrecht in die Höhe schießenden Betonherzen, dem Rohbau eines offensichtlichen Wolkenkratzers, gefragt.

Die NatWest, das Produkt der Fusion von 1968 aus District Bank, National Provincial Bank und Westminster Bank mache sich auf, ihre Potenz in das Universum zu eruptieren. Das Geld solle nicht nur fließen, es solle fliegen. Damit es sich vermehre, müsse es mit konzentrierter Kraft nach oben geschossen und über den Globus verteilt werden. Das da, das sei die Reinkarnation des neuen Kapitals. Sie solle sich das einmal vorstellen: Die drei Größten hätten in konzertierter Aktion, aufgegeilt und blind vor Eifer, beabsichtigt, den Turm 197 m hoch zu bauen. Das hätte jede Konvention für Hochbauten in der City gesprengt. Größer aber war der Ärger, als sie planten, das historische Bankgebäude von 1865 platt zu machen. Nun werde der Turm nur noch 183 m hoch und der Bau stehe auch noch. Indes, mit diesem Dreieck aus Pfeilen, also diesem Symbol der NatWest, hätten sie sich nun ein für alle Mal ein Denkmal gesetzt.

Worse than those days - er warf seinen Kopf mit einer kurzen Bewegung seitlich nach hinten, nach damals - those days of industrialisation, grummelte er und bat um etwas Geld für die Auskunft.

Schon wurde sie vom Strom der white-collar worker mitgerissen. Sie versuchte das Tempo aufzunehmen. Das der dunklen Anzüge und weißen Hemden mit Krawatten, der Aktentaschen und Hüte, des eingerahmten Make-ups durch Frisuren vom Friseur, das der dezenten Blusen in engen, knielangen Rücken, der fleischfarbenen Unterschenkel in dunklen Pumps, das der schwingenden Handtaschen in unnützer Größe. Aus Menschen wurden Leute: Schicke Leute, glatte Leute, schnelle Leute, knappe Leute, gerade Leute, lauter Leute, einfach Leute - Solitäre. Im Vorüberfliegen vornehm zurückhaltend ein kurzes How do you do? Hier und da flossen Wörter, wurde mit Bedeutungen gespielt, gelacht und ausgewichen, beschreibend sich genähert, wurden Avancen gemacht. Hingerissen, mitgerissen landete sie vor der Bank of England. Verwirrt und ausgesetzt.

Gegenüber, eingeklemmt zwischen den Bauten, fiel ihr eine hohe, schmale Glastür samt ausladendem Fenster auf. Eine Einladung, oder? Vielleicht. Nicht Restaurant, nicht Fast-Food, nicht Imbiss. Irgendwie von allem ein wenig, von nichts ein bisschen. Wohl ein Chinese. Schlicht. Billig. Selbstbedienung. Hunger trieb sie.

Am Ende des schlauchartigen Raums stand eine Theke, die, eingenebelt vom Dunst des Kochens, Küche von Raum, Arbeit von Genuss schied. Ungeschützt. Kein Gast, kein Kellner. Nur ein schmächtiger Junge schlich schweigend um die Theke. Ein magerer Koch zierlicher Gestalt nahm einen Wok vom Feuer, schüttelte ihn bis sich Fleisch, Paprika und Bambus im Sud wendeten, um sich herum tanzten. Sie schaute ihm zu. Beobachtete, wie er den Wok schaukelte und drehte und wendete, um und um mit einer Hand, sehnig und geschmeidig schnell. Dabei ihr seinen Rücken zugewandt.

Please?

Vor ihr ein erschöpftes Gesicht. Ein abgrundtief erschöpftes und für einen Moment ein vollkommen leeres. Nicht einmal der Schweiß seines Angesichts war ihm geblieben. Verflüchtigt in den Raum hing er nun in der Dunstwolke über der Kochstelle.

Ehm, ehm Chop Suey.
Wanna drink?
Thank you.

Wortlos nahm sie das Essen entgegen, zahlte und setzte sich. Es schmeckte nach allem und nichts, fettig, knusprig, ein wenig delikat, vielleicht. Und trotzdem wollte sie ihren Hunger stillen. Einen Hunger, von dem sie just nicht mehr wusste, welchen Ursprungs er war.


Verloren im Moment. Berlin 2018

Die Ampel schaltet. Von Rot auf Grün, auf Rot, Grün, Rot. An der Bordsteinkante Herr Müller inmitten schlotternd rutschender Stoffhosen, auf die graublau oder lilableiche Jacken stoßen. Ab und an zuckelt ein beherzter Griff diese wieder in den Schritt, wird der Gürtel nachgezogen. Herr Müller schaut ihnen zu so wie er andere taxiert. Andere, die ihre Jeans fest am Körper tragen, dass sich Knochen oder Muskeln oder Fett abzeichnen. Die ihre Geschlechter und Hintern betonen, sich anbieten. Und doch auch nicht. Ikonen des Alltags streifen Herrn Müllers Gesichtsfeld.

Flink zieht eine Frau ihre Hose aus der Ritze, streicht sie glatt, schnell, denn Zeit ist kostbar. Schon springt die Ampel auf Grün, die Menge bricht auf. Prompt. Einprogrammierte Ziele ziehen die Körper auf die Straße, treiben sie zur anderen Seite, wo sie auseinander streben. Wo die einen zur nächsten Ampel biegen, sich hier sammeln und hier ausharren und dann weiter strömen. Wo die anderen die Treppe zur Hochbahn erklimmen, sich mal rechts mal links an den Entgegenkommenden im Laufschritt vorbei schlängeln. Herr Müller steht da und blickt ihnen hinterher. Sieht welche auf sich zukommen, sieht sie biegend, schaukelnd, staksend den Asphalt traktieren, dabei Taschen und Tüten schwenken, sieht ihre Mühen, schnell und elegant hinüber zu kommen, ohne anzustoßen, ohne sich der anderen Blicke zu nähern. Sieht Menschen einander ausweichen und meiden. Nur nicht berühren.

Zu viel der Körper zu viel. Zu harsch die Bewegung. Trotzig trampelnd tragen deren Füße Wut und Trauer ohne Zeit. Im Fluss, im Fluss bleiben, im Fluss. Bleiben. Müssen. Das nächste Rot ist getaktet. Wer es nicht schafft, hat das Nachsehen. Hält alle auf, muss überholt, umgangen werden, bevor man selbst. Menschen strömen an Herrn Müller vorbei. Die einen von hinten, die anderen von vorne. Umschiffen ihn. Ihn, die Staue im Menschenmeer.

Ein Hauch an Ausdünstung streift sein Gesicht. Ein wenig Sphäre, die, kaum wahrgenommen, schon verschwindet. Nur nicht berühren.


Ja, ja, der Herr Müller. Wie gewohnt, sehnt er den Menschen nach. Erhaben und unablässig, als warte er. Frau Schmidt genießt den Ausblick aus dem zweiten Stock, der ihr erlaubt, die Welt fein säuberlich zu sezieren. In sicherer Entfernung. Vor allem hat es ihr Herr Müller dort unten an der Bordsteinkante angetan. Sie mag, wie er so aufrecht steht, die anderen überragt, wie ihn die Schulterklappen seines Trenchcoats stützen, der breite Gürtel ihn hält, wie er die abgestoßene Lederaktentasche fest an seine Brust drückt. Und sein Fasson-Schnitt allen zu verstehen gibt: Nicht berühren. Und seine glänzenden Schuhe im aufgewirbelten Staub des Gehwegs rufen: Aufpassen!

Selten, dass sie ihn im Treppenhaus bemerkt. Lautlos schleicht er runter, vorbei an ihrer Wohnungstür, ihr keine Chance gebend, ihn abzufangen, einmal unverhofft die Tür zu öffnen, ihm einen Guten Tag zu wünschen. Dessen war sie sich sicher. Sehr sicher. Auch aus der Haustür sieht sie ihn nicht kommen. Frau Schmidt wartet. Wartet am Fenster bis Herr Müller an der Ampel steht. Dann huscht ein Lächeln über ihr Gesicht. In der Regel. Nur in der letzten Zeit kommt er verschwommen daher.

Heute aber, da nimmt sie ihn mit all seinen Konturen wahr. Klar und eindeutig. Aufgeregt und schwärmend. Nur nicht berühren.

Vom Bahnsteig her bohrt sich ein Quäken und Schreddern tief in ihr Ohr. Fragend hebt sie ihren Kopf. Es ist die Ansage, zermalmt durch breites Ächzen. Derweil die Hochbahn einfährt und mit Getöse zum Stehen kommt. Menschen werden ausspuckt und andere eingesogen. Schwerfällig und in die Jahre gekommen buhlt sie im Fünf-Minuten-Takt um Aufmerksamkeit. Selten noch, dass Frau Schmidt der Attraktion nachgeht. Die Drehung im Kreuz macht ihr Mühe, nun.

Heute ist sie nervös. Lässt sich stören, dreht sich um, dass sie den Bahnsteig sehen kann, schaut den Menschen dort zu. Wie sie ins Abteil drängeln und schieben und stoßen, kurz zucken, ein Sorry murmeln, ein Okay, wenn überhaupt. Sie haben Angst, die Plätze sind so rar. Nicht mitzukommen gleicht einer Strafe. Nur nicht berühren.

Seit nunmehr vierzig Jahren wohnt Frau Schmidt zwei Stockwerke unter Herrn Müller in dem Altbau direkt an der Kreuzung. Die letzten Jahre oder mehr lebt sie allein mit ihrem Ohrensessel, ein Andenken an ihren Mann. Mein wertvollstes Stück, flüstert sie ein zwei mal am Tag in des Sessels Ohren während ihre Hände über die Rückenlehne streicht. Ach, will mich nicht beschweren, hatte ein ganz gutes Leben, seufzt sie dann ganz gerne mal. Zunehmend rutscht ihr ein Wir heraus. Wir hatten doch.

Ihr Streicheln, Seufzen nach dem Essen ist zum Ritual geworden. Danach lässt sie sich in ihm nieder, schmiegt den Kopf an die Ohren. Bespickt mit vielen großen, kleinen, bunten Kissen hat der Sessel seinen Platz am Fenster zur Straße. Nun geschlossen, die Gardine zur Seite, träumt Frau Schmidt der Welt nach, die mit der Morgenluft kam, als sie, die Fensterflügel geöffnet, sich auf ihr über Jahre geknetetes Kissen aus abgewetztem Samt gelehnt, Straßenluft einatmete, Stimmen hörte, Autos, Tram und Hochbahn. Der Vormittag ist Weltzeit. Zeit, in der sie Wetter erkundet und Wolken zählt, den Sonnenstand fixiert, Regen bedauert. Es sind die Stunden, in denen sie dem Treiben auf der Straße folgt, Menschen zusieht, ihnen nachschaut und bemerkt, dass welche untereinander vertrauter werden, einander zu ähneln beginnen, und andere, die jünger, gewandter, lauter sind, sich gar nicht ähneln. Ihre privaten Studien. Es sind Stunden, in denen sie Fremde wahrnimmt, die besonders anders aussehen und sich so völlig anders bewegen, ganz andere Töne von sich geben. Fremde Gesten. Unruhig und neugierig, im Moment verstärkt, streift ihr Blick umher, sucht unbestimmt nach dem EINEN Ereignis, bis sie letzten Endes an den vielen ermüdet. Die Ampel schaltet von Rot auf Grün, auf Rot, Grün, Rot. Autos bremsen. Scharf. Nur nicht berühren.


Komm endlich. Unten vor der Haustür zischt Frau Nissen ihre fünfjährige Tochter an. Sie ist in Eile, wie jeden Morgen. Wecker, aufstehen, duschen, anziehen, die Kleine wecken, die spielt schon, sie anziehen – Gequengel - Kaffee aufsetzen, Brote schmieren, Müsli, schnell essen - die Kleine würgt - sie mit den Händen vom Stuhl weisen, Zähne putzen - die Kleine speit - Gummistiefel, Protest, Füße rein quetschen, Arme in die Jacke stopfen – aua, du tust mir weh, selber Zähne putzen - Jacke und Schuhe, Tasche umhängen. Im Kinderzimmer sitzt die Kleine und schimpft mit ihrer Puppe. Komm jetzt. Kaum draußen, lässt sie die Haustür fallen, wirft einen kurzen Blick nach oben.

Immer nur die alte Schmidt, die aus dem Fenster hängt, mir hinterher stiert, registriert Frau Nissen schnell und lustlos als wünsche sie sich was Anderes. Diffus und unbestimmt. Harsch nimmt sie ihre Tochter bei der Hand, greift nach, schon galoppieren beide den Fußweg entlang. Durch die Anderen durch. Irgendwie. Zu Fuß geht schneller als die Hochbahn, zu knapp die Zeit, heute erst Recht, egal. Egal, was ihre Tochter meint, und sie wird gleich meinen, trotzen, widersprechen, weiß Frau Nissen. Und so stiebt sie davon.

Die Füße der Tochter verhaspeln sich wie ihre Sprache, stolpern der Mutter eilend hinterher, bis sie abhebt, ihr Körper an ihrem Arm baumelt, der an der Hand hängt, die fest im Griff der Mutter ist. Die Mutter gibt nach, das Kind hat wieder Boden unter den Füßen bis sie wieder und von vorn. Das Kind hechelt, irgendwie, bis zur nächsten Ecke, wo ihr Quengeln die Mutter zu quälen anfängt. Die Kleine wird den ganzen Weg betteln, jaulen, protestieren, zum Ende nur noch weinen. Hör auf! Mach dich nicht extra schwer. Keine Diskussion mehr. Du gehst zur Kita. Schluss! Aus! Ein Ruf, ein Zerren, die nächste Eskalationsstufe ist erreicht. Frau Nissen kennt diese Litanei so wie sie ihre eigene Antwort kennt.

Und wieder hat sie sich provozieren lassen. Ihren Zorn heraus gebrüllt und nicht, wie von der Familienhilfe geraten, ihr Muster geändert. Vor Wut beißt sie sich auf die Zunge und flucht. Warum merkst du dir nicht den Ablauf, warum willst du immer was anderes. Du hast keine Ahnung von der Eile, der notwendigen, von der über alle Tage schleifenden Routine, über das Austrocknen meiner Sprache, weil wir uns nicht unterhalten können. Was weist du schon, auf was ich alles verzichte. Oh mein Gott, wie eingeschränkt du doch bist und wie wenig bewusst das dir ist, dass ich dir noch nicht mal eine Einsicht abzwingen kann. So zürnt Frau Nissen sich stumm bis ihr Verdruss und ihr Verstummen sie schmerzt. Mit jedem Tag ein bisschen mehr. Nur nicht berühren.


Aahh - Verdammt! Ob die Nissen mal was mitkriegt, mal guckt, was sie tut, irgendwann mal?! Gerade noch kann Herr Lingen den hohen aus Massivholz gefertigten Flügel der Haustür abfangen, ein wenig benebelt von der abziehenden Parfümwolke, die er nicht schlecht, aber als too much empfindet. Herr Lingen liebt das Ausgewählte, Nervöse, sensibel Dekadente, am besten in Kombination mit Präzision und produktiver Unruhe. Nicht immer passt es. Er zählt keine Stunden, er zählt, was er tut. Den Tag, die Nacht, die Woche, den Monat, das Jahr. Und er schafft viel. Sehr viel und noch mehr. Nur nicht berühren. Nur nicht.

Fluchend stößt er mit aller Kraft den Flügel auf, quetscht sich samt Rennrad über der Schulter durch das Portal. Flugs ist er draußen. Hier ist der Gehweg schmal, die Ampel der Fußgänger auf Rot, der Fahrradweg blockiert. Für einen Moment jonglieren, dann, eher flink als hastig, scannen seine Augen die Umgebung, schon ist er auf dem Rad.

Just in dem Moment dreht sich Herr Müller um und stolpert. So ganz aus Versehen, so ohne Absicht. Herr Lingen bremst. Rechtzeitig. Herr Müller stützt sich am Lenker ab und kann verhindern, dass sein Mantel in die Speichen gerät. Gerade noch. Plötzlich ist er mit Herrn Lingen konfrontiert. Unmittelbar und dicht, viel zu. Blicke, die ins Mark gehen, man kennt einander. Ein kurzes Nicken. Seitens Herrn Lingen stumme Wut. Herr Müller mehr verdattert und erschrocken. Richtet sich wieder auf und zupft seinen Mantel zurecht. Wie war noch gleich Ihr Name? Da ist Herr Lingen schon weg. Er lässt sich nicht aufhalten. Von nichts und niemanden. Nur nicht berühren.

Herr Lingen, ruft Frau Schmidt aus dem zweiten Stock, da ist ja Herr Lingen. Irritiert kreist Herr Müller seinen Kopf, seine Augen bleiben haften an dem Haus. Er schaut rauf, runter, rauf, will die Stimme orten und sieht doch nur eine alte Frau am Fenster. War sie es, die gerufen hat? Dann lärmt sein Schädel. Der Lärm, der Lärm, ihm ist, als platze sein Trommelfell, wie so häufig. Unmöglich, dass sie ihn hat verstehen können. Unmöglich von da oben. Noch, dass er ihre Wort hat hören können. Ganz und gar unmöglich. Eigentlich. Ihn beschleicht ein bekanntes aber unbequemes Gefühl. Der Lärm. Schwindel ergreift ihn. Herr Müller schwankt, dreht sich zur Straßenseite und … Mensch, passen Sie doch auf, wütet eine junge Frau. Für einen Moment streift seine Hand ihren Busen, seine Wange ihre Haare. Kurz der Moment, zu kurz. Peinlich berührt zieht er zurück. In ihm steigt Röte auf, erhitzt sein Gesicht. Er schämt sich ihrer Wärme. Schnell verschwindet seine Hand in der Manteltasche. Nur nicht berühren. Nur nicht.

Verwirrt sucht er Halt, findet keine Position, als sei das Stehen fremd geworden. Im Gleichmaß schaltet die Ampel von Rot auf Grün, auf Rot, Grün, Rot auf Grün. Betäubt ob seiner Gefühle betritt Herr Müller halb taumelnd, halb festen Schritts die Straße.

Dann: Quietschende Bremsen, ein dumpfer Aufprall, der markerschütternde Schrei eines Kindes. Todesstille. Die Unmittelbaren bilden eine Traube um das Geschehen, als schirmten sie es ab. Handy, ein Handy, Feuerwehr, Rettungswagen, Polizei – hier ich – ich hier – hier - ein Tohuwabohu. Derweil setzen andere ihren Weg fort. Schnell. Nur nicht berühren.

Inmitten Herr Müller, der zum Stehen kommt. Paralysiert. Lingen, bestätigt er sich tonlos, und die Frau im zweiten Stock heißt Schmidt. Tränen laufen über sein Gesicht, schmecken nach dem Salz der Stille. Aus großer Ferne dringt hysterisch wirres Zeug zu ihm durch. Kita-Läuse, Kita-Läuse, die Hochbahn! Läuse, die Bahn. Sie wollte ausgucken, sie wollte. Nicht laufen Mama, immer wieder. Das hat sie gesagt. Ich habe sie doch an der Hand. Der Hand, der. Frau Nissen schaut in ihre leeren Hände … Schreiend bricht sie zusammen.


Drei Straßen weiter sendet Herr Lingen eine SMS: Komme etwas später. Verkehr liegt durch Unfall lahm. Bin am Auftrag interessiert. Gruß Tom. Oben im zweiten Stock zieht Frau Schmidt die Gardinen zu.


Verbrauchte Zukunft.England 1975

Nein, nein die Brände seien nicht gut. Hier schau das Getreide, das kannst du vergessen. Verbrannte Erde. Vernichtete Ernte. Das werde teuer. Der Sommer sei viel zu heiß. Nein normal sei es nicht.

Er schüttelte den Kopf.

Ach, es sei ihm egal, ob Hitze oder nicht. Er sei auf dem Weg nach Hause. Vom Norden, von der Ölplattform, nach London. Ja, körperliche Arbeit. Dreckig und anstrengend. Das Öl sei schon zur zweiten Haut geworden. Ein schmieriger Film, der ihn überziehe. Da helfe das Duschen auch nicht viel. An manchen Tagen. Jetzt aber fahre er nach Hause. Körperliche Arbeit eben. Dann abrupt: ein kurzes, hartes Lachen.

Sie inspizierte den Mann, dem sie im Zug, so einfach angesprochen, ein Gespräch abrang. Er war nicht groß, eher gedrungen und kahlköpfig. Hatte sich schick gemacht. Trug Hose und Jacke in Jeans, darunter ein Karohemd zum Vorschein kam. Blaurot. Die Karos schnitzten scharfe Kanten in sein wettergebräuntes Gesicht. Müde und doch aufgeräumt sah er gut aus. Sauber. Sah richtig aus. Seine breiten, kräftigen Hände waren aufgerissen und in Öl gegerbt. Dem linken Zeigefinger fehlte ein Teil der Kuppe; geblieben war vernarbte Haut, eingebrannt als Zeichen ewigen Schaffens. Hände wie Werkzeuge. Gereinigt nach getaner Arbeit hielten sie den Daily Mirror gleich einer Feder.

No family, but good money. Dangerous to life?
Yes, sometimes.
Dann wieder: das kurze, harte Lachen.
Stille.

Der Zug fuhr über Romford und Stratford London vom Osten her an. Nussig-würziger Schweiß der Reisenden vermischte sich mit der klebrig-süßen warmen Stadtluft zu einer schweren Melange. Sie schwitzte mit. Draußen bestimmten jetzt zu Kleinst-Reihenhäusern geformte schwarz-braune Klinker das Bild. Armut, Armut schlug die Uhr. Rauch, Ruß und Abgase verdichteten den Anstrich zur Farbe Dunkel. Treppenabgänge, Überdacht von gewelltem Plastik, führten in Gärten schmaler Grundstücke. Eine Idee von Zaun hegte den ausgetretenen Rasen ein. Zum Anfassen nahe. Hier und da ein Obstbaum. Einzeln. Vergilbt. Vielleicht Apfel, vielleicht Birne, vielleicht oder. Ein Ball neben der Sandkiste. Und überall: Wäschestangen. Aufgereiht. Angerostet. Weiße Laken tragend. Wie viel Dreck verträgt Weiß?

Hier, apart verblichene Fassaden eklektizistischer Bauten des Historismus! Zeugen der Erträge des Imperiums. Besitzanzeigend. Solide. Eben gutes Kapital. Stoisch und erhaben, ein wenig verlassen und angestaubt, sperre sich die Gründerzeit, nun in die Jahre gekommen, gegen ihre Entwicklung. Sie solle dem Erdboden gleichgemacht werden, bauschte sich ein leicht zotteliger, selbsternannter Touristenführer vor ihr auf. Sie hatte ihn nach dem hässlich anmutenden und senkrecht in die Höhe schießenden Betonherzen, dem Rohbau eines offensichtlichen Wolkenkratzers, gefragt.

Die NatWest, das Produkt der Fusion von 1968 aus District Bank, National Provincial Bank und Westminster Bank mache sich auf, ihre Potenz in das Universum zu eruptieren. Das Geld solle nicht nur fließen, es solle fliegen. Damit es sich vermehre, müsse es mit konzentrierter Kraft nach oben geschossen und über den Globus verteilt werden. Das da, das sei die Reinkarnation des neuen Kapitals. Sie solle sich das einmal vorstellen: Die drei Größten hätten in konzertierter Aktion, aufgegeilt und blind vor Eifer, beabsichtigt, den Turm 197 m hoch zu bauen. Das hätte jede Konvention für Hochbauten in der City gesprengt. Größer aber war der Ärger, als sie planten, das historische Bankgebäude von 1865 platt zu machen. Nun werde der Turm nur noch 183 m hoch und der Bau stehe auch noch. Indes, mit diesem Dreieck aus Pfeilen, also diesem Symbol der NatWest, hätten sie sich nun ein für alle Mal ein Denkmal gesetzt.

Worse than those days - er warf seinen Kopf mit einer kurzen Bewegung seitlich nach hinten, nach damals - those days of industrialisation, grummelte er und bat um etwas Geld für die Auskunft.

Schon wurde sie vom Strom der white-collar worker mitgerissen. Sie versuchte das Tempo aufzunehmen. Das der dunklen Anzüge und weißen Hemden mit Krawatten, der Aktentaschen und Hüte, des eingerahmten Make-ups durch Frisuren vom Friseur, das der dezenten Blusen in engen, knielangen Rücken, der fleischfarbenen Unterschenkel in dunklen Pumps, das der schwingenden Handtaschen in unnützer Größe. Aus Menschen wurden Leute: Schicke Leute, glatte Leute, schnelle Leute, knappe Leute, gerade Leute, lauter Leute, einfach Leute - Solitäre. Im Vorüberfliegen vornehm zurückhaltend ein kurzes How do you do? Hier und da flossen Wörter, wurde mit Bedeutungen gespielt, gelacht und ausgewichen, beschreibend sich genähert, wurden Avancen gemacht. Hingerissen, mitgerissen landete sie vor der Bank of England. Verwirrt und ausgesetzt.

Gegenüber, eingeklemmt zwischen den Bauten, fiel ihr eine hohe, schmale Glastür samt ausladendem Fenster auf. Eine Einladung, oder? Vielleicht. Nicht Restaurant, nicht Fast-Food, nicht Imbiss. Irgendwie von allem ein wenig, von nichts ein bisschen. Wohl ein Chinese. Schlicht. Billig. Selbstbedienung. Hunger trieb sie.

Am Ende des schlauchartigen Raums stand eine Theke, die, eingenebelt vom Dunst des Kochens, Küche von Raum, Arbeit von Genuss schied. Ungeschützt. Kein Gast, kein Kellner. Nur ein schmächtiger Junge schlich schweigend um die Theke. Ein magerer Koch zierlicher Gestalt nahm einen Wok vom Feuer, schüttelte ihn bis sich Fleisch, Paprika und Bambus im Sud wendeten, um sich herum tanzten. Sie schaute ihm zu. Beobachtete, wie er den Wok schaukelte und drehte und wendete, um und um mit einer Hand, sehnig und geschmeidig schnell. Dabei ihr seinen Rücken zugewandt.

Please?

Vor ihr ein erschöpftes Gesicht. Ein abgrundtief erschöpftes und für einen Moment ein vollkommen leeres. Nicht einmal der Schweiß seines Angesichts war ihm geblieben. Verflüchtigt in den Raum hing er nun in der Dunstwolke über der Kochstelle.

Ehm, ehm Chop Suey.
Wanna drink?
Thank you.

Wortlos nahm sie das Essen entgegen, zahlte und setzte sich. Es schmeckte nach allem und nichts, fettig, knusprig, ein wenig delikat, vielleicht. Und trotzdem wollte sie ihren Hunger stillen. Einen Hunger, von dem sie just nicht mehr wusste, welchen Ursprungs er war.


Im Zweifel, vielleicht

Der Tunnel, der keinen Sinn machte, kam kurz hinter der Kurve der zweispurigen Straße, auf der nie ein Auto fuhr. Linker Hand Wiesen, kurz geschnitten, grün, begrenzt von einer Bergkette. Versteckt, geahnt ein Bach, der einfach da war, wie ein Bach, wie Wiesen, Berge, wie eine Landschaft eben da sind.

Gewöhnlich ging sie einmal am Tag durch den Tunnel, der Sonne entgegen, einfach nur so, gewöhnlich ohne Grund. Vielleicht um einmal herauszukommen. Aus dem Dorf, aus dem Haus, aus ihrem Zimmer. Vielleicht aus allem, aus ihren Zusammenhängen, wo sie denn zusammen hängen. Einfach raus, sich zerstreuen und die Dinge neu sich finden lassen. Oder raus, um sich zu halten. Ihre Dinge festzuschrauben. Vielleicht war es auch Neugier, die sie trieb, einfach so trieb. Neugier auf das, was sich hinter diesem Tunnel befand. Vielleicht.

So getrieben habe sie sich damals an dem Tag langsam auf den Tunnel zubewegt, als sie, weit hinten, schattenhaft Bewegung wahrnahm. Sagte man sich später. Sie sei stehengeblieben, habe die Augen zusammenkneifend Fragmente eines stattlichen Mannes ausgemacht, der, sie sehend, seinen langsamen Gang fast zum Stillstand gebracht hätte. Er erschien ihr aufmerksam, nicht aufdringlich, oh nein. Nur aufmerksam. Auch nicht eigentlich neugierig, eher wünschend, suchend und zurücknehmend zugleich. Auf keinen Fall erstarrt. Schon in Bewegung, ja. Geschmeidig langsam.

Wegen der Entfernung habe sie sein Gesicht nicht sehen, trotzdem seine körperliche Wärme spüren können, erzählte sie nachher dem Dorf. Auch, dass sein Entgegenkommen sie sanft von unten gegriffen habe. Angesteckt, sei sie gewesen. Angesteckt von seiner reservierten Sehnsucht. Hinterm Ohr, in den Schultern, in den Leisten - erst ein wenig, noch hinnehmbar, dann ignorierend, doch spürbar wieder und wieder kommend ein gleich-müßiges, zuletzt gleich-unmäßiges Pochen in ihrem Leib.

Beide wären ihrer Wege gegangen, seien wieder gekommen, später täglich. Jedes Mal ein Stückchen näher. Jedes Mal ein bisschen wärmer, bis ihr Körper zitterte. Indes habe sie niemals sein Gesicht sehen können. So habe sie sich immer wieder umgedreht und sei gegangen. Immer wieder. Und gekommen. Immer wieder. Vielleicht auch in dem Wunsch, für einen bestimmten Moment ihr sommerliches Kleid fallen zu lassen, sich der Wärme hinzugeben. Vielleicht wäre diese Geschichte hier zu Ende gewesen, hätten sie sich an dem Tag wortlos angeschaut und wären aneinander vorbeigegangen. Als eine Offerte im Raum. Einfach so. Vielleicht.

Doch sie berührten sich. Erst zufällig am Arm, dann die Hände, irgendwann versperrten sie sich lächelnd, witzig den Weg, den folgenden Tag hielt sie seinen Unterarm mit ihrer linken Hand. Er sei weitergegangen, sie habe gezerrt, er hob seinen Arm, sie habe gekrallt, er hob ihn hoch, sie sprang hinter her, er schüttelte den Arm, sie griff fester, nun kämpfte er, klar und deutlich bis sie abgelassen habe. Er sei weiter gegangen, habe beim Umdrehen "auf morgen" geflüstert, schelmisch. Sie blieb zurück und blieb. Den nächsten Tag, den übernächsten, den Tag darauf, den darauffolgenden und folgenden und folgenden. Sein Gesicht von hinten sehend. Stumm. Am Gaumen klebte ein Tschüß, das ohne ein Hallo zu keiner rechten Form fand.

Später meinte man, ihre Angst vor dem Hallo habe schwer getragen, dahinter der Wunsch ins Gigantische wuchs. Er brach durch und brach ein, in ein Stück Poesie, gebettet in eine Landschaft, die eben da ist, in der sich Wiesen erstreckten, kurz geschnitten, grün, von einer Bergkette begrenzt, mit einem Bach, der, nur vermutet vor einem lag.

Noch immer solle sie, wie gewöhnlich, einmal am Tag durch den Tunnel gehen, der keinen Sinn machte. Der Sonne entgegen, einfach so, und wie gewöhnlich gebe es keinerlei Grund. Vielleicht um einmal herauszukommen. Heraus aus den Zusammenhängen, dem Dorf, dem Haus, aus ihrem Zimmer, aus allem. Einfach raus, um zu sehen, was so vor sich gehe. Vielleicht war sie auch neugierig auf das, was hinter diesem Tunnel sich befinde. Auf den Mann, der nie wieder kam, den niemand je sah. Vielleicht aber war es Gleichmut, der sie trieb, einfach so trieb. Vielleicht.


Sequenzen

schnitte, scherben
kinderhände strecken sich
wenn ihr blut
alle schreien: pflaster und verband
laufen, rennen, suchen diesen
große, kleine, junge, alte
menschen durcheinander
rufen, weinen, lachen, trösten,
schneiden, kleben,wickeln, reden
stolz zeigt
die verbundene ihre leistung

sonder sondieren
klapps klapps die mühle
wenn idioten mit einander
schneiden sie die zeit tot

komm - es gibt fraktur
schau nur hin
dann schlägt die uhr
die zeit

vergiss.mich.schnell -
die blume blüht noch
auf dem hof

im nachgeben
im ruhegeben
im vergeben
im sich Übergeben
wird die gabe eingeschmolzen

viel der liebe, viel des glücks
nur die panik blieb zurück
alles wird kaputt gegangen
wenn die harmonie einkehrt


Zuletzt gingen sie Arm in Arm, gestern. Mühsam und schön zugleich. Zu mühsam, vielleicht, zu schön.
Heute trafen sie sich wieder. Stilles Einvernehmen. Morgen küssen wir uns, sagten sie gleichzeitig, wohl wissend.
Später werden sie einmal sagen: Schade.
Für sich, im Stillen.
Jedes weitere Wort würde die Erinnerung gefährden, den Schleim vergangener Tage zerstören.
Dazwischen, da waren sie verheiratet.


Der schwarze Katamaran

Dann Stille. Die Augen geschlossen, höre ich Musik. Sehe ich weite Wiesen und Ruhe und Unendlichkeit. Geigen erzählen vom Leben. Sie setzen sich ab, lassen das Spinett und die Bratschen alleine tanzen. Gemeinsam spielen sie, jeder in seinem Ton. Der Weiden-Bruch erklingt. Es sind die Weiden, die herunter geschnitten die Felder begrenzen, der Landschaft ihre Struktur verpassen. Inmitten von schimmernden Grasnarben versacke ich im im Ockergelben, dann im Grünen oder Braunen, vielleicht auch mal im Blauen wie der Himmel zwischen hell und bedeckt und verhangen schwankt. Im schnellen Wechsel der Zeiten bleibe ich stehen und atme Wind und mit ihm ein kleines bisschen Sein. Ein kleines bisschen. Ein kleines. Ein-Sein.

Tiefe Trauer pflanzt sich in all ihren Verästelungen fort, macht mich zum Baum. Geerdet, dass ich weiter gehen kann. Weit und breit kein Mensch, weit und breit kein. Ruhe. Kein Mensch noch Angriff. Kein Liebes-Müh noch Ver-Sagung. Kein Ver-Ständnis noch. Nur Trauer, die größer und größer in Placken den ganzen Körper erschüttert. Tränen fließen endlos in die Weite.

Der schwarze Katamaran segelt flussabwärts.